10. März 2010...08:57

Charaktersache: Nach oben biedern und nach unten treten.

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Ewald Stadler nennt den Roman  “Der Untertan“ sein Lieblingsbuch. So sagt er in der „Zeit“ vom 17. April 2008 unter dem Titel „Lieber gesetzlos als ein Untertan„, es handle sich bei Heinrich Manns Roman um den einzigen Roman, den er wirklich schätze und den er mehrmals gelesen habe. Mein Lieblingsbuch ist „Der Untertan“ eher nicht. Schriftstellerisch finde ich das Buch keine besondere Leistung. Oft mühsam, manchmal unverständlich und teilweise langwierig. Inhaltlich wird durch Heinrich Mann allerdings eine ganz interessante Thematik angeschnitten: Die Rolle des grenzenlos obrigkeitsgläubigen Mitläufers. Gemeint ist in erster Linie der nationalistische Konformist vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der durch Diederich Heßling verkörpert wird. Heßling ist auf der einen Seite ein nach Macht strebender Mensch, der sich jeder Obrigkeitsmacht stellt und opportunistisch die Seite der Mehrheit sucht. Auf der anderen Seite ist Heßling aber auch skrupellos gegenüber den Schwächsten insofern er selbst davon profitiert. Er ist damit eine Persönlichkeit, die nach dem Prinzip lebt: Nach oben biedern und nach unten treten.

Für mich personifiziert Diederich Heßling jenen Typus Mensch, der relative Werte unhinterfragt übernimmt wenn sie von oben kommen. Und der diese relativen Werte dann offensiv verteidigt, weil er davon ausgeht, dass es sich dabei um absolute Werte handeln würde. Für ihn ist das, was von oben kommt, absolut. Er ist – wenn man es so will – der typisch beschränkte Spießer. Wobei sich diese Beschränktheit nicht nur wie im Fall Heßling auf das Staatsoberhaupt in Form des Kaisers bezieht. Autoritäten gibt es heute viele. Das sind Politiker, Wissenschaftler, Meinungsmacher, Journalisten, Beamte, Eingeber, Erzieher,… Der Fehler ist der, dass viel zu viele all das unhinterfragt übernehmen, was von oben kommt, ohne sich tiefgründiger mit den Inhalten zu befassen: Diese grenzenlose Obrigkeitsgläubigkeit, die nicht nur zu Zeiten Heinrich Manns feststellbar und problematisch war, sondern auch heute, wo all zu viele einer angeblichen „Sachpolitik“ nachhängen, die in ihrem Kern allerdings immer ideologisch und subjektiv ist. Fatal wirkt sich das im Karriereparadies Staat aus, wo Karrieristen sich winden und wenden, um am Ende auf der Seite der Sieger zu stehen. Wo dann am Ende nicht mehr Kompetenz zählt, sondern das Nahverhältnis zur politischen Kaste. Für den Karrieristen haben Meinungen und Ideale letztlich einen ganz spezifischen Geldwert.

Diederich Heßling vertritt aber auch jenen Typus Mensch, der seine relativen Werte, die er für absolut erachtet, radikal verteidigt. Wer anderer Meinung ist, ist Verräter, Majestätsbeleidiger und Unmensch. Es macht ihm Spaß, auf Seiten des Stärkeren zu stehen, den Kleinen und Schwachen zu zertrümmern und exemplarisch niederzumachen. Da wird er prahlerisch, überheblich und fies: Der Zweck heiligt in seinem Fall die Mittel. Dabei werden auch menschliche Grenzen überschritten – insofern das alles einem größeren Ganzen dient. Dieses größere Ganze ist in vielen Fällen er selbst. Und damit wären auch an dem Punkt, zu dem ich hinwollte. Auch ich merke immer wieder, dass in der politischen und vorpolitischen Auseinandersetzung oftmals menschliche Grenzen überschritten werden und dass Meinungen manchmal entarten, weil sich mancher zu sehr in die Politik hineinsteigert und vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Was ich damit sagen will: Bestimmte Grenzen werden überschritten, weil relative und absolute Werte nicht klar voneinander getrennt werden. Meinungen richten sich dann gegen Freiheit, Würde und Eigentum eines jeden Einzelnen. Und das sind dann absolute Werte, die draufgehen.

Heßling lebt es vor: Nach oben biedern und nach unten treten. Ich hoffe, dass es ihm nicht viele nachmachen. Weder das mit den Tritten nach unten, noch seine opportunistische Anbiederung nach oben hin. Heinrich Mann entfaltet sein schriftstellerisches Können im Buch immer dann, wenn er den „Untertan“ Heßling beschreibt. So beschreibt er Heßling oder zumindest den Typus, den Heßling darstellt, aus Sicht seines Gegenpartes Wolfgang Buck, der als Anwalt in einem Prozess fungiert, in dem es um Majestätsbeleidigung geht:

Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt.

Wenn ich das hier alles festhalte, dann soll das einerseits auch ein Plädoyer sein für einen lockeren Umgang mit Politik, für den respektvollen Umgang mit fremden Meinungen und ein verantwortungsvolles Bewusstsein für das, was politische Aussagen oft hervorrufen können wenn sie vom Einzelnen falsch aufgenommen werden. Das alles hat mit „political correctness“ nichts zu tun. Letztlich geht es um politische Kultur und nicht um politisch korrekte Meinungen. Meinungen müssen immer zugelassen sein. Es kommt aber darauf an, dass man diese Meinungen vertieft und man es nicht bei oberflächlichen Diskussionen um Begriffe belässt, die jeder anders definiert. Und es kommt darauf an, dass man bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Es soll hier aber andererseits auch um eine Verurteilung all jener Personen gehen, die Ideale und Werte für Karriere und Profit opfern. Es geht also um jene ideologischen und moralischen Flachwurzler, die für persönliche Vorteile alles in Kauf nehmen. Schlussendlich war das genau jener Opportunismus, der die nationalsozialistische Schreckensherrschaft ermöglicht hatte. Das erklärt uns Heinrich Mann. Und das sollen all die Karrieristen wissen.

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